Leonce

und Lena

Januar 2018

Abschlussinszenierung

Galerie „Leonce und Lena“
Abschlussinszenierung Januar 2018

Bilder © Nane Diehl

Liebe Absolventinnen und Absolventen,
zunächst einmal Glückwünsche dazu, dass Ihr es geschafft habt – und gleich raus seid aus der Schauspielerschule.
Ich freue mich sehr, heute endlich Euer Rausschmeißer sein zu können. Denkt bitte daran, wenn Ihr dann geht, die Fenster zu schließen und das Licht auszumachen!
Das hier sind die letzten pädagogischen Versuche, Euch noch etwas mit auf den Weg zu geben – bevor Ihr heute Abend die Schule für immer & ewig verlassen müsst.
Das Wichtigste, was Ihr hier gelernt habt, sind vielleicht die W-Fragen.
Für diejenigen, die nicht wissen, was das sein soll, W-FRAGEN: Der Schauspieler untersucht eine Szene, indem er seiner Rollen Fragen beantwortet: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo will ich hin?
Diese W-Fragen könnt Ihr auf alles anwenden. Auf wirklich alles! Selbst wenn Ihr niemals auf einer Bühne stehen solltet, werdet Ihr in jedem Büro, an jedem Ort, wo Ihr hinkommt, durch die Beantwortung der W-Fragen Klarheit und Überzeugungskraft gewinnen.
Dann habt Ihr noch etwas hier mitbekommen, nämlich Euch zu fragen, was für eine HALTUNG Eure Figur hat. – Auch dies etwas, was Euch in jeder Lebenssituation weiterhelfen kann. Weil die Haltung den Wert des Vorgangs bestimmt, und es wichtig ist, Haltung zu zeigen.
Ein drittes in dem Rucksack, den wir Euch hier versucht haben mitzugeben, ist ein Bewusstsein dafür zu erzeugen, dass es eine NOTWENDIGKEIT für die Rolle geben muss. Und dass ich als Mensch und Schauspieler eine Notwendigkeit brauche, um meine Zeile, meinen Satz zu sagen, um eine Berechtigung zu haben, spielen zu dürfen. Im Leben wird es Euch helfen, wenn Ihr wisst, dass es notwendig ist, was Ihr sagt oder tut.
Und zuletzt solltet Ihr die Liebe zum IRRTUM mitgenommen haben, denn nur wenn Ihr ohne Angst Fehler vorbereitet und Irrtümer bewusst begeht, werdet Ihr Erfahrungen machen.
W-Fragen, Haltung, Notwendigkeit, Irrtümer – das alles ist nichts!
Das, worum es bei allem geht, beim Spielen, beim Darstellen, beim Stehen und Agieren auf der Bühne – ist Euer HERZ, Eure Empathie, Eure Lust, Euch von Innen zu zeigen. Etwas herzuschenken von Euch, Euch zu verschwenden, Euch hinzugeben mit ganzer Seele, aus ganzem Herzen und ganzem Leibe.
Alles, was Ihr hier lernen solltet, war, Euer Herz an diese Rampe legen zu können und es den Zuschauern zu zeigen, pulsierend und stark, mitunter schwach und dreckig, aber lebendig und rot!
Wir alle sind gespannt, was mit Euch und aus Euch wird.
Vielleicht macht Ihr etwas völlig anders und werdet niemals vor einer Kamera stehen oder nie wieder auf einer Bühne. Vielleicht werdet Ihr Stars. Aber bei allem wünschen wir Euch Glück, und dass Ihr staunt über das Leben und uns Staunen macht. Und hoffentlich verändert Ihr Euch und werdet kenntlicher und deutlicher.
Bertolt Brecht erzählt in seiner Keuner-Geschichte „Das Wiedersehen“ folgendes dazu:
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ – „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.
Ich freue mich darauf, Euch verändert wiederzusehen. Denn, auch dies schreibt, der große B.B.: „Ins Licht treten die veränderlichen“ und schreibt als Überschrift darüber „Der Schauspieler“
In Polen wünscht man sich Glück für die Premiere nicht wie bei uns nur mit drei gehauchten Spuckereien über die linken Schulter als Gruß für „Es möge gelingen“, sondern man tritt einander in den Hintern – fühlt Euch von mir in den Hintern getreten und haut ab. Haut endlich ab! Und verändert Euch!
Herzlichen Glückwunsch.

(Frank Riede, Regisseur / Schauspieldozent
Abschlussrede an der Schauspielschule Charlottenburg 2018)